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Mein schönste Zier und Kleinod – ein Erfahrungsbericht als Novizin bei der 39. Gregorianischen Woche in Gernrode 2017

„Mein schönste Zier und Kleinod bist auf Erden Du, Herr Jesu Christ; Dich will ich lassen walten und allezeit in Lieb und Leid in meinem Herzen halten.“

Oft geht mir dieser Choral durch den Sinn. Wir haben ihn alle beim Auszug nach der Vesper in der beeindruckend schönen Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode gesungen. Zum 39. Mal fand dort die Gregorianische Woche vom 15. bis 23. Juli statt. Den meisten TeilnehmerInnen waren Struktur und Ablauf einer solchen Woche bekannt, waren viele der TeilnehmerInnen doch bereits wiederholt dabei – und eine Teilnehmerin gar von Anfang an und ganz ohne Unterbrechung.

Im Gegensatz dazu war es für mich das erste Mal und so war ich gespannt, was diese Woche beinhalten würde. Jetzt, im Nachhinein, könnte ich für mich das gemeinsame Singen des Liedes „Mein schönste Zier und Kleinod bist“ beim Auszug nach der Vesper als Quintessenz dieser Tage bezeichnen. Alles schwang darin mit: die Gemeinschaft in der Gruppe, das Stille-Sein und Sich-Konzentrieren, das Beten und Bedenken der gesungenen Liturgie. Ein wunderbar volltönender Gesang erklang da beim Auszug vom Altarraum durch die Kirche - vom Hochaltar durch den Mittelgang, linkerhand das Heilige Grab, in die Basilika - bis zur gegenseitigen Verbeugung beim Auseinandergehen bevor jede/r schweigend und für sich die Kirche verließ.

Dieser Choral klingt seither in mir nach und lässt das Erlebte gegenwärtig bleiben.

Erst am zweiten Tag war ich in Gernrode angereist und hatte so einiges an Informationen verpasst, wie ich im weiteren Verlauf bemerken sollte. So gab es festgelegte Sitzplätze im Tagungsraum und in der Kirche bei den Stundengebeten. Auch der Einzug in die Kirche war choreografiert. Jede Person hatte ihren Platz, ihre Aufgabe oder auch Funktion. Manche der termini technici vernahm ich zum ersten Mal - Hebdomadarius, Frauen- und Männerschola, Paraklet etc., obwohl mir liturgische Andachten und die einstimmigen Gesänge bis dahin nicht ganz unvertraut waren, da es in meiner Heimatgemeinde in der Ganerbenstadt Bönnigheim - ebenfalls eine St. Cyriakuskirche, aber ohne Heiligem Grab – wöchentlich eine Liturgische Andacht gab. Im Laufe der Woche sollten mir diese Termini als auch die TeilnehmerInnen zunehmend vertrauter werden.

Nach einer langen Zugfahrt aus dem Süden Deutschlands wurde ich sehr warmherzig von Barbara Axthelm begrüßt und bezog dann das Zimmer. Es ist schon etwas Besonderes, benachbart im Gästehaus in den angenehm schlicht eingerichteten Zimmern zu nächtigen und beim Blick aus dem Fenster die eindrucksvolle Kirche zu sehen. Bei meinem ersten Stundengebet, der „Vesper“, nahm mich Barbara Axthelm unter ihre Fittiche, zeigte mir meinen Platz und half mir dabei, mich in dem Antiphonale zurechtzufinden. Hier erlebte ich zum ersten Mal den Präses Andreas Konrath und den Hebdodamarius Walter Pehl in ihren Funktionen in den Stundengebeten.

Am Abend fand im Tagungsraum eine Vorstellungsrunde der TeilnehmerInnen statt und der Ablauf wurde kurz besprochen. Erschrocken bin ich, als ich den durchgetakteten Tagesplan sah, vor allem, dass es schon um 7 Uhr mit der Matutin und Laudes beginnen sollte, in denen Henning Drude die Homilien übernehmen würde. Nach dem Frühstück war das Studium anberaumt. Hans-Jürgen Benedict, der Rector studiorum, lud uns zu seinen theologisch-ästhetischen Erkundungen zu den großen Gefühlen „Angst, Zorn, Klage, Scham und Freude“ ein. Zweimal täglich gab es konzentrierte Singübungen, angeleitet durch die Kantorinnen Christine Plauen und Irene Uhlmann und darüber hinaus die Stundengebete Sext, Vesper und tagesabschließend das Complet. Bei einem späten Bier unter dem gestirnten Nachthimmel erleichterte es mich sehr, vom Präses zu erfahren, dass die Teilnahme an dem frühen Stundengebet freiwillig ist, und so habe ich dann auch erst an den beiden letzten Tagen daran teilgenommen, und damit leider die lehrreichen Homilien von Henning Drude über den Hunger in der Bibel.

Beeindruckt hat mich beim täglichen Studium die hohe Konzentration und gespannte Aufmerksamkeit der gesamten Gruppe. Die klugen und anschaulichen Ausführungen von Hans-Jürgen Benedict zu den großen Gefühlen, ihre Bedeutung und biblischen Bezüge ließen alle gebannt zuhören und riefen nahezu leidenschaftlich gestellte Fragen und Anmerkungen von den TeilnehmerInnen hervor, die eine weitere Bereicherung waren und zeigten, wie spannend dieses Thema für alle ist.

Die Singübungen waren für mich gewöhnungsbedürftig. Nicht nur, weil ich das einstimmige Singen mitunter auch eintönig finde, sondern auch, weil ich erhofft hatte, dass wir auch Choräle und Lieder singen würden. Erst am Sonnabend nach der Messe im Altenheim war das der Fall. So sinnvoll es sicher ist, die Gregorianischen Gesänge gut einzuüben, damit sie im Stundengebet vertraut sind, so schade finde ich es doch, das gesangliche Potential der TeilnehmerInnen nicht auch in mehrstimmigen Liedern zum Ausdruck bringen zu können und sei es auch nur zur „Einstimmung“. Umso schöner war es für mich, dass an manchen Abenden nach dem Complet in der Kirche noch gesungen wurde.

Betroffen hat mich, als nach kurzer Zeit, nach zwei oder drei Tagen, die Kantorin Irene Uhlmann uns mitteilte, dass sie sich nach reiflicher Überlegung von uns verabschieden werde. Das hat Irritation und Bedauern ausgelöst.

An einigen Nachmittagen war ich unterwegs. In Quedlinburg zur Besichtigung von Kirchen und den Ausgrabungen auf dem Schlossberg und im Klopstock-Haus; in Thale auf der Rosstrappe mit herrlichem Blick über die Felsenschlucht ins Bodetal. Ein gemeinsamer Ausflug, von Annette und und Robert Grimmell organisiert, führte uns zu der „Schwesterkirche“ St. Cyriakus in Frose, nach deren Besichtigung mit einem Vortrag über die Geschichte und Bautätigkeit wir hinter der Kirche unter freiem Himmel Kaffee und Gebäck genießen konnten - das Wetter war uns hold, wie schon zuvor am Bunten Abend, an dem es nicht nur ein „frugales“ Mahl gab, an dem der Präses wesentlich Anteil hatte, stand er doch geduldig den gesamten Abend am Grill. Es gab Heiteres und Besinnliches, es wurde viel gelacht, gesungen und zu guter Letzt mit viel Lust und Spaß ein von Lieselotte Heine eingebrachtes Schüttelrätsel zu lösen versucht.

Ein Höhepunkt der gesamten Woche sollte die Messe am Sonnabend sein. Etliche Gottesdienstbesucher aus der Gemeinde Gernrode kamen dazu, wie auch schon vereinzelt zu den Stundengebeten. Mit großem Enthusiasmus hielt Wolfgang Kramer die Predigt zum Thema Ökumene und Einheit der Christen, umrahmt von den Gregorianischen Gesängen der Messe-Liturgie. Auffallend schön und bewegend gesungen das Solo der Teilnehmerin Dorothea Gölz-Most.

Damit neigte sich das Seminar dem Ende zu. Nach Kaffee und Kuchen, der Übergabe eines Geschenkes an jede/n durch Barbara Axthelm verabschiedeten sich die beiden Stuttgarter Teilnehmer und konnten so am letzten Abend bei der sehr vergnüglichen „Zugabe“ von Hans-Jürgen Benedict über Leben und Werk von Wilhelm Busch nicht dabei sein.

Was nehme ich als Novizin mit? Eine Erinnerung an schöne Begegnungen, intensive Gespräche und an Zeiten der inneren Einkehr, Besinnung und Stille, an erlebte Gemeinschaft und an die Freundlichkeit der einzelnen TeilnehmerInnen. Die Ausführungen und Anregungen im Studium, die konzentrierte Aufmerksamkeit und Wachheit. Aber auch das frühe Aufstehen und das „disziplinierte“ Singen bei den Singübungen ist mir präsent, die rasche Aufeinanderfolge der Programmpunkte jedes einzelnen Tages. Oder das Singen im Altenheim, bei dem hinterher Bestatter einen Sarg hinausführten. Eine schöne Landschaft und Orte, an denen ich nie zuvor gewesen und die Zeit der Andacht in der Stiftskirche, die uns in dieser Woche beheimatet hat. Auch handgestrickte graue Socken - gestrickt von Lieselotte Heine- habe ich mitgenommen und oftmals sind es einzelne Liedzeilen, die mir während des Tages durch den Sinn gehen, wie das „Bewahre uns, Herr, wenn wir wachen, behüte uns, wenn wir schlafen, auf dass wir wachen mit Christo und ruhen in Frieden“ aus dem Complet - und eben auch der Choral „Mein schönste Zier und Kleinod bist auf Erden Du, Herr Jesus Christ“.

Dorothea Salome Eckert-Schwegler