Eberhard Weismann

Eberhard Weismann (*11.6.1908 in Alfdorf, t 5.12.2001 in Schwäbisch Hall) studierte am Tübinger Stift Theologie und danach in Stuttgart Kirchenmusik, war an der Seite des Stiftsmusikdirektors Richard Gölz Musikrepetent und nahm erstmalig an der dritten Alpirsbacher Woche im Herbst 1934 teil. 1936 gab Richard Gölz das Amt des Stiftsmusikdirektors in Tübingen auf und übernahm das Pfarramt im nahegelegenen Wankheim, Eberhard Weismann erhielt seine erste Pfarrstelle in Ölbronn.

Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wurde er 1947 zum Landeskirchenmusikwart berufen, verbunden mit dem Amt des Obmanns des Verbands Evangelischer Kirchenchöre in Württemberg. Diesen Landesverband hat er nach den schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren „mit sicherer, überlegener Ruhe zu seinem Auftrag zurückgeführt", wie es in einer Würdigung heißt. An der neu gegründeten Kirchenmusikschule in Esslingen und an der Musikhochschule in Stuttgart wurde ihm die Dozentur in den Fächern Hymnologie und Liturgik übertragen.

Eine mit dem Amt des Landesobmanns verbundene Aufgabe war die Mitarbeit am Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG) in der Schlussphase, das der Verband Evangelischer Kirchenchöre seit 1938 vorbereitete; der Krieg hatte die Arbeit unterbrochen. Im März 1950 erschien der Stammteil mit 394 Texten und 236 Melodien. Auch in die Lutherische Liturgische Konferenz wurde Weismann berufen, die mit der Erarbeitung der Lutherischen Agende I befasst war. Mit einem profunden Referat über den oberdeutschen Predigtgottesdienst als eine gegenüber der Deutschen Messe ganz eigenständige Gottesdienstform ebnete er den Weg dafür, dass der Predigtgottesdienst als vollwertige Gottesdienstform in die Lutherische Agende aufgenommen wurde. In ausgearbeiteter Form liegt diese grundlegende Darstellung im dritten Band des fünfbändigen Standardwerks LEITURGIA vor.

Seit wann Eberhard Weismann als „Secretarius“ der Kirchlichen Arbeit Alpirsbach fungierte, weiß ich nicht. Nach dem Ausscheiden von Richard Gölz war Friedrich Buchholz ihr Präses, Prof. D. Ernst Bizer Vizepräses. Dass diese Arbeit nach dem Krieg weiterging und sich wieder konsolidierte, ist, wie einer ihrer „Gründerväter“, Immanuel Kling, schrieb, „in erster Linie dem unermüdlichen und umsichtigen 'Secretarius' dieser Arbeit, Eberhard Weismann zu danken. Ob als Organisator, als Prediger, als theologischer Diskussionsleiter oder als 'Liturg' im Stundengebet oder in der gregorianischen Messe, überall tut er seinen Dienst in der ihm eigenen schlichten Bescheidenheit, mit Umsicht und Bedacht und vor allem auf solider theologischer Grundlage. Und wenn er in der Matutin als 'Hebdomadarius' den Tag beginnt mit dem Initium 'Herr, tue meine Lippen auf …', dann steht vor mir immer wieder der 'Singende Mann' von Barlach …: ganz hingegeben an sein Amt, nun eben – zu singen.“ Nach Buchholz‘ überraschendem Tod 1967 wird aus dem Secretarius der Vorsitzende des Leitungskreises.

1954 hat Eberhard Weismann das Chorbuch „Zu guter Stund“ mit geselligen Liedern für 3 und 4 Stimmen herausgegeben, das bis heute zum Notenbestand vieler Kirchenchöre gehört und u.a. vielfach  in Chorfreizeiten genutzt wird. 1960 erschien, ebenfalls von Eberhard Weismann zusammen mit seinem Nachfolger Hermann Stern ediert, das „Neue Chorgesangbuch“, das an „den Gölz“, das von Richard Gölz 1934 herausgegebene Chorgesangbuch, anknüpft.

Ende 1958 gibt Eberhard Weismann seine kirchenmusikalischen Ämter auf und wird mit Beginn des Jahres 1959 Dekan des Kirchenbezirks Nagold im Schwarzwald. 1965 wird er als Referent für Gottesdienst und Theologie zum Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in den Oberkirchenrat in Stuttgart berufen. Das Amt des Vorsitzenden des Leitungskreises der Kirchlichen Arbeit Alpirsbach, in das er nach der Beerdigung von Friedrich Buchholz von den anwesenden Mitgliedern gewählt worden war, hatte er bis 1983 inne, ein ganzes Jahrzehnt nach seiner Pensionierung als Oberkirchenrat im Jahr 1973; er begleitete aber die Arbeit noch viele Jahre als Mitglied des Leitungskreises unter dem Vorsitzenden Prof. Dr. Diethelm Michel.

Anlässlich seiner Pensionierung würdigte ihn der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Helmut Claß, als einen Menschen, „in dem kein Falsch ist“. „ Die unbedingte Redlichkeit dieses Mannes, verbunden mit einem großen theologischen Sachverstand und mit der heute nicht gerade häufig anzutreffenden Bereitschaft, vor dem Reden zuzuhören, ist kennzeichnend für diesen hochgebildeten und liebenswürdigen Mann“. Ich füge als ein bisher nicht erwähntes Charakteristicum hinzu: seinen feinen, geistvollen Humor.

Rüdiger Schloz